Wu Chi

Nach der Vorstellung der alten Chinesen entspringt alles Leben einer Quelle, die jenseits aller Vorstellungen liegt, – dargestellt als ein leerer Kreis, das „wu chi“:

Wu chi ist das Nichts, aus dem alles entspringt,
Wu chi ist die Große Leere, die die Fülle der Schöpfung gebiert,
Wu chi ist die Quelle der Zehntausend Dinge, der Welt der Erscheinungsformen.

Die großen Meister des alten China hatten großes Interesse darin, mit dieser letzten Quelle weitest möglich Verbindung zu erlangen und in Einklang zu kommen. Viele berühmte (und auch zahlreiche weniger bekannte) Werke der chinesischen Geistesgeschichte wie z.B. das „Dao De Ching“, das „Buch vom südlichen Blütenland“, die Schriften von Sima Chengzhen, 6./. Jhd. oder das „Sandokai“ aus der japanischen Zen-Tradition geben Hinweise, wie der Mensch mit dieser Quelle und dem Dao, dem Weg der Natur, in Einklang kommen kann und wie er die Paradoxie einer gegenseitigen Durchdringung und Verschmelzung von Erscheinungswelt und Leerheit verwirklichen kann.

Für mich ist wu chi im Geschehen des Tai Chi, des Qigong und des Shiatsu ein Symbol und eine Erinnerung:
Symbol für die kunstlose Kunst, mit der diese drei einander ähnlichen Wege Harmonie oder Gesundheit zwischen Geist und Körper, zwischen Greifbarem und Formlosen, zwischen Gestaltung und absoluter Freiheit des Schöpferischen schaffen.
Erinnerung an das unermessliche kreative Potential, das Schöpfung überhaupt innewohnt – und damit auch uns Menschen: unserem Körper für die Gesunderhaltung, unserer Kreativität in der Kunst der Gestaltung unseres Lebens…

Das Feuer wärmt,
der Wind weht,
das Wasser ist naß,
die Erde ist hart.
Für die Augen gibt es die Farben,
die Ohren nehmen die Töne wahr,
die Nase hebt die Gerüche hervor,
die Zunge kann Salziges und Süßes unterscheiden.
Doch alle Daseinsformen,
wie die Blätter der Bäume,
werden von der Wurzel ernährt.
Der Ursprung und das Ende
entspringen der gleichen Quelle: wu.
Der Ursprung und das Ende
kehren zurück ins nichts.
Das Edle wie das Alltägliche können benutzt werden –
wie es euch beliebt!

(aus: San do kai, sekito Kisen, 7.Jh.)